Besucherbericht der Spitalhof Gemeinschaft.Schule in Ulm von den Rektoren Martin Felber und Anne-Kathrin Horrer - März 2019

Bericht über die Schulentwicklung an der Wamagriso School,
Mambo, Freetown, Sierra Leone




Besuch der Schulleitung der Spitalhof Gemeinschaft. Schule, Ulm durch

Martin Felber
, Gemeinschaftsschulrektor, Lehrer für Primar- und Sekundarstufe,
Prüfungsvorsitzender 2.Staatsprüfung für das Lehramt Primar- und Sekundarstufe

Anne-Kathrin Horrer, Gemeinschaftsschulkonrektorin, Sonderschullehrerin,
Fachberaterin für Emotionale und Soziale Entwicklung am SSA Biberach

Zeitraum 01.03.-10.03.2019




Die Schulleitung der Spitalhof Gemeinschaft.Schule Ulm, Frau Horrer und Herr Felber besuchten vom
1.3. bis 9.3.2019 die Wama Griso School in Freetown (Sierra Leone). Seit einigen Jahren besteht
zwischen den beiden Schulen eine Freundschaft. Die Spitalhof Gemeinschaft.Schule unterstützt im
Rahmen ihrer zur Verfügung stehenden Mittel den Ausbau der Schule, durch die Beschaffung von
Möbeln und Unterrichtsmaterialien, sowie durch unterschiedliche Spendenaktionen durch die
Schülerinnen und Schüler. Das zentrale Anliegen der Gründerin der Wama Griso Schule Frau Walz ist
es, allen Kindern und Jugendlichen einen Zugang zu erfolgreicher Bildung zu ermöglichen, was
durch die geringen Schulgebühren (69,--€ pro Jahr) möglich ist. Dieser Grundsatz deckt sich mit dem
Anspruch der Gemeinschaftsschule: Allen Kindern und Jugendlichen aller Leistungsniveaus und
ungeachtet ihres sozialen, kulturellen und religiösen Hintergrunds gemeinsam in einer Schule den
bestmöglichsten Bildungsabschluss zu ermöglichen.


Frau Horrer und Herr Felber erhielten im letzten Jahr eine Einladung durch Frau Walz mit der Bitte
die Schule und deren Lehrerinnen und Lehrer bei der Weiterentwicklung der Schul- und Unterrichts-
konzeption zu unterstützen.
Neben dem Kennenlernen der ca. 1,5 Millionenstadt Hauptstadt Sierra Leones Freetown und dem
Lebens- und Entwicklungsumfeld der Schülerinnen und Schüler, sowie des Kollegiums, stand vor
allem die Arbeit in der Schule mit den SchülerInnen und den KollegInnen der Wama Griso School zur
Unterstützung bei der Weiterentwicklung der Schul- und Unterrichtskonzeption im Mittelpunkt des
Besuchs von Frau Horrer und Herr Felber.
Die Wama Griso School orientiert sich an dem englischen Schulsystem. Sie besteht aus einer Nursery,
Primary- und Junior-Secondary-School mit ca.400 Kindern und Jugendlichen im Alter von 3-18 Jahren.
Die Schüler haben die Chance, die Schule mit dem Mittleren Bildungsabschluss zu verlassen. Da im
direkten Umfeld der Schule und vor allem auch eine für die Elternhäuser der abgehenden Schüler
keine finanzierbare Oberstufe in Form einer Senior-Secondary-School verfügbar ist, wurden die
Anträge und Planungen für eine Erweiterung mit einer Oberstufe Senior—Secondary-School durch
die Schulleitung eingeleitet.

Ein elementarer Grundsatz für die Schule ist es, durch den geringen Jahresbeitrag von 69,-€ allen
Familien einen Zugang zu einer erfolgreichen Bildung zu ermöglichen.

Dass dies mit großer Leidenschaft, immensem Engagement und Professionalität durch die Gründerin
Maria Walz, die verantwortliche Leitung Mr.John M.Sesay und das Lehrerkollegium umgesetzt wird,
konnten Frau Horrer und Herr Felber eindrucksvoll erleben.

Nachdem die Besucher zunächst mit den Stufenleitungen und der Schulleitung Vorgespräche über
das Sierra Leonische Bildungssystem und den Bildungsauftrag, sowie die Schule führten, hospitierten
sie im Unterricht und bei den verschiedenen Schulaktivitäten für vier Tage jeweils von 7.00 bis 15.00
Uhr. Zum Abschluss werteten sie die Beobachtungen aus. Die Evaluation bezog sich auf folgende
Bereiche:


Unterricht


Classroom Management


Die Lehrkräfte und Betreuerinnen gestalten das Lernangebot so, dass sie weitgehend
störungsfrei verlaufen und die Lernzeit möglichst effizient genutzt wird. Auf einen
respektvollen und wertschätzenden Umgang mit und untereinander wird geachtet. Das
Kollegium hat Regeln für das Verhalten in den Klassen eingeführt und fordert deren
Beachtung ein. Der Umgang mit unerwünschtem Verhalten ist Diskussionsgegenstand in der
aktuellen Schulentwicklung. Das Gesamtkollegium bearbeitet aktuell verschiedene Ansätze
zur Verhaltensmodifikation und positiven Verstärkersystemen.


Strukturen des Unterrichts


Der Unterricht in den verschiedenen Jahrgangsstufen folgt unterschiedlichen Prinzipien. In
der Nursery 1-3 werden klar vorstrukturiere Phasen für Spiel- und Lernphasen durch die
Betreuerinnen angeleitet.

In der Primar-School werden von einem Teil des Kollegiums diese gelegten Grundlagen und
spielerischen Phasen in den Unterricht gut eingebaut.

Der Unterricht der Junior-Secondary-School folgt klaren inhaltlichen Strukturen, die bereits in
den Tafelanschreiben der Kollegen die zu Beginn des Unterrichts angefertigt werden, da
entsprechende Lehrwerke für die Schülerhand nicht in ausreichendem Maß zur Verfügung
stehen, Niederschlag finden.

Der Unterricht der gesamten Schule hat eine klare zeitliche Struktur. Wobei die
Rhythmisierung des Schulalltags mit Anspannungs- und Entspannungsphasen teilweise noch
besser an die realen Bedürfnisse der Kindergartenkinder und vor allem Primarstufenschüler
angepasst werde müsste (Hitze, fehlendes Frühstück, Freizeitgestaltungsangebot). Diese
Ideen sind in der Schulleitung und dem Kollegium präsent, können aktuell aber nicht
finanziert werden.

Der Wechsel zwischen den einzelnen Unterrichtssequenzen, die je nach Jahrgangstufe in der
Nursery beginnen mit angeleiteten Einheiten von ca. 15 Minuten, über 45 Minuten
Sequenzen in der Primary bis zu 90 Minuten Unterrichtsblöcken in der Secondary School
aufgebaut sind, ist klar und eindeutig strukturiert. Je nach Alter der Schüler finden die
Kollegen altersgerechte Auflockerungsphasen zwischen den Abschnitten u.a. z.B. mit
Übungen zu exekutiven Funktionen oder Bewegungs- und Singspielen. Eindeutige
Tafelanschriebe und akustische Signale markieren Stundenwechsel und Pausenbeginn und -
ende.

Die Handlungsanweisungen und Aufgabenstellungen der Kolleginnen und Kollegen sind in
der Regel eindeutig und verständlich formuliert. Die dazu genutzten Methoden werden im
Lehrerkollegium thematisiert und kollegial beraten.


Motivation und kognitive Herausforderungen


Die extrem hohe intrinsische Motivation der Schülerinnen und Schüler an der Schule
beeindruckte die evaluierenden Kollegen. Den Schülerinnen und Schüler ist die Bedeutung
von Bildung als Chance auf eine Verbesserung ihrer eigenen Lebensperspektive und in
höheren Klassen auch der Perspektive für die Gesamtentwicklung Sierra Leones bewusst.
Entsprechendes gilt für das Kollegium der Schule. Die Kollegen zeigen sich den Schülern als
Vorbilder und Partner in der jeweiligen persönlichen Lern- und Entwicklungsgestaltung.


Selbstständige Lerner fördern


Da vielen Schülern im häuslichen Umfeld der Rahmen und die Möglichkeiten für
weitergehendes eigenständiges Lernen fehlen, unternimmt das Kollegium aktuell
Überlegungen, wie ein Selbstständiges Lernen an der Schule noch mehr in den Schulalltag
integriert bzw. angegliedert werden kann (z.B. Lern- und Studierzeiten nach dem Unterricht)


Lern- und Leistungsmessung


Die im sierra-leonischen bzw. westafrikanischen Schulsystem regelmäßig durchgeführten
Überprüfungen mit verbindlichen Tests und überregionalen Abschlussprüfungen werden in
der Schule konsequent vorbereitet. Dies erfolgt durch die regelmäßigen Kontrollen und
Überprüfungen der Arbeiten und Leistungen der Schüler durch die Kollegen. In
Unterrichtsgesprächen werden regelmäßig Inhalte wiederholt und memoriert, so dass
prüfungsrelevante Inhalte, langfristig bei den Schülern gesichert werden.

Bei den Prüfungsergebnissen, die regelmäßig landesweit bewertet werden, schließen die
Schüler der Wamagriso School durchschnittlich mit ca. 300 Punkten bei möglichen max. 500
Pkt. ab.

Lebenspraktische Lerninhalte z.B. die Nutzung des Schulgartens und andere Bereiche, wie
z.B. Familienplanung, bzw. handwerkliche oder hauswirtschaftliche Tätigkeitsfelder und
kulturelles Lernen müssten noch nachhaltiger in den Schulalltag integriert werden. Wie dies
gelingen kann, wurde in Besprechungen mit den Kollegen vor Ort erörtert.

In beiden Schulen, sowohl bei uns in Deutschland als auch Sierra Leone stehen Kollegien vor
der großen Herausforderung, die notwendigen Vorbereitungen auf Abschlussprüfungen und
gleichzeitig, das reale eigentliche Leben zu leisten, um die Schülerinnen und Schüler
bestmöglich auf ihre Zukunft vorzubereiten.


Kooperation von Lehrkräften und Schulführung und Schulmanagement


Kollegial kooperieren


Das Kollegium der Schule arbeitet vertrauensvoll, unterstützend und stufenübergreifend
zusammen. Die Verantwortung für alle Kinder und Jugendlichen an der Schule wird
gemeinschaftlich getragen, d.h. die Kollegen kümmern sich um alle Kinder und Jugendlichen
gleichermaßen, und im Besonderen die jeweiligen Klassenleitungen bzw. die Stufenleitungen
intensiv um ihre zugeordneten Kinder und Jugendlichen.


Professionalität sichern und weiterentwickeln


Die Stufenleitungen und Schulleitung trifft sich regelmäßig an den unterrichtsfreien
Samstagen um inhaltliche und organisatorische Belange u.a. mit den Schulgründern bzw.
dem Schulmanager Mr. J. Sesay zu besprechen und zu strukturieren. Regelmäßig findet ein
Austausch und Fortbildungen, vergleichbar mit den in Baden-Württemberg stattfindenden
Pädagogischen Tagen, im Gesamtkollegium zu bestimmten Themen statt. Hierbei nehmen
alle KollegInnen von Nusery bis Secondary School teil. So können auch die durch ihren
absolvierten Bildungsgang höher qualifizierten Kollegen der Secondary School ihr Wissen
und Handlungsleitlinien an die Kollegen weitervermitteln.


Förderliche Arbeitsbedingungen sicherstellen


Die Schulleitung, das Schulmanagment und der Trägerverein sind kontinuierlich darum
bemüht, die Arbeitsbedingungen an der Schule für die ausschließlich Sierra leonischen
Mitarbeiter zu verbessern und durch Fortbildungsangebote und individuelle
Unterstützungsmöglichkeiten die einzelnen Mitarbeiter und gleichzeitig die gesamte
Schulgemeinschaft dadurch zu fördern. So erhalten unterschiedlich qualifizierte Personen
Aufgaben und Tätigkeitsbereiche angefangen von einfachen haushälterischen Tätigkeiten z.B.
mit Putzdiensten und der Versorgung der Schüler mit Wasser aus dem schuleigenen
Brunnen, über Montage und Transport der Schüler und Kollegen mit dem Schulbus (Abhol- und
Bringsysteme für Schüler die weiter entfernt wohnen) bis hin zu Verwaltungs- und
Buchhaltungsaufgaben. In der schuleigenen Näherei werden die Schuluniformen hergestellt.
Frauen des Dorfes Mambo haben die Möglichkeit das „Catering“ für die Frühstücks- und
Mittagspause in der Art eines Kioskdienstes vor und auf dem Schulgelände anzubieten.


Schulklima- und Klassenklima


Schulische Gemeinschaft gestalten und fördern


Täglich finden Assembleys wie im Schulsystem üblich statt. Immer zu Beginn der Woche sind
diese durch besondere Impulse z.B. verlesen von neuesten Nachrichten gestaltet. Die
Organisation und Durchführung wird alter- und entwicklungsabhängig zunehmend
selbstständig von den Schülerinnen und Schülern gestaltet. Regelmäßige Sporttage,
gemeinsame Pausen und Spielangebote, die die Schüler mit sehr einfachen Mitteln gestalten,
bereichern den Schulalltag. Um diesen Freizeitbereich und das bereits sozial sehr gut
ausgeprägte Verhalten der Schülerinnen und Schüler noch besser unterstützen und fördern
zu können, wäre eine Erweiterung des Spielplatzes durch weitere Groß- oder Klettergeräte
wünschenswert. Auch könnten Kleingeräte, die in einem Ausleihsystem von den Schülern für
bestimmte Phasen des Schultages genutzt werden können, hierzu eine Bereicherung sein.

Für die regelmäßigen Schulveranstaltungen, an denen neben den Eltern auch das Dorf Mambo
beteiligt ist und die dadurch zu einem wesentlichen Bestandteil des öffentlichen Lebens
gehören, wird aktuell das Außengelände genutzt. Vor allem während der Regenzeit und für
Theateraufführungen stehen der Schule aktuell noch keine weiteren Räume zur Verfügung
Eine Aula um solche Veranstaltungen in einem angemessenen Rahmen fortzusetzen und ggf.
auch Veranstaltungen der Dorfgemeinschaft und der örtlichen Kirchengemeinde sattfinden
zulassen, ist in den Planungen eines Erweiterungsbaus beinhaltet und würde pädagogisch
gesehen, einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung der Schule leisten.


Ganztagesangebot


Die Schule bietet den Schülerinnen und Schülern eine verbindliche Ganztagesstruktur. Vor
dem Unterricht wird dies, durch das Angebot des schuleigenen Schulbusses noch zusätzlich
erweitert.

Unterstützend und hilfreich wäre für die Schüler eine Möglichkeit Schülern und Schülerinnen
einer Frühstücksversorgung, da etliche Kinder ohne Frühstück zur Schule kommen, da es in
den Familien der Kinder häufig aufgrund fehlender Mittel dazu kommt, dass Kinder ohne
unzureichende Versorgung mit Nahrungsmitteln aufwachsen müssen. Auch wäre ein ggf.
durch die bereits vorhandenen Anbieter des Caterings organisierter Mensabetrieb für alle
Schüler eine weitere gute Förderung. Die geplante Aula könnte ggf. auch für einen solchen
Mensabetrieb genutzt werden.


Innerschulische und außerschulische Partner


Eltern


Eltern haben durch die Installation einer Freecall Telefonnummer die Möglichkeit das
Schulmanagement und die Schulleitung unentgeltlich anzurufen. Hierdurch und durch den
häufigen Austausch sind die Eltern und das Kollegium gut miteinander vernetzt und
Angelegenheiten können zeitnah und direkt besprochen werden.


Zusammenfassender Gesamteindruck


Insgesamt war die Erfahrung, wie professionell, glücklich, zufrieden und kreativ die sierra-leonischen
Lehrkräfte bei der Vermittlung ihres Bildungsauftrages und der Vorbereitung der Jugendlichen auf
die Zukunft trotz absolut unvorstellbar ärmlicher Lebensumstände und einfachster Ausstattung
agieren für uns Besucher aus Deutschland mehr als bewundernswert und stimmt uns sehr
nachdenklich. Teilweise hatten wir ein Gefühl von Beschämen über die Selbstverständlichkeit, wie
sehr in unserer wohlhabenden Welt Schülerinnen und Schüler, Lehrerinnen und Lehrer und auch
Eltern auf im Vergleich mehr als hohem Niveau unzufrieden, unmotiviert und fordernd sein können.

Das junge Kollegium und die Organisatoren vor Ort in der Wamagriso School sind sich sehr bewusst,
welche Verantwortung sie tragen, aber auch welche Chance darin steckt, die jetzige
Schülergeneration durch eine erfolgreiche Bildung auf die großen Herausforderungen in diesem
durch den Bürgerkrieg, Ausbeutung, Korruption und Ebola völlig in seiner Entwicklung
zurückgeworfenen Land, vorzubereiten. Diese Herausforderungen anzunehmen und Wege zu
entwickeln, damit die hochmotivierten Schülerinnen und Schüler und das Land Sierra Leone in eine
bessere Zukunft gehen können, ist das wichtige Ziel für alle Beteiligten dieser Schulfreundschaft.

In welcher Form sich die Schulen weiterhin austauschen können und wie eine nachhaltige Beziehung
fortgesetzt werden kann, gilt es zu überlegen.

Für die Schulentwicklung an unserer eignen Schule haben wir einige Denkimpulse mitgenommen.

Es gilt darüber nachzudenken in welcher Form die Motivation unserer Kinder und Jugendlichen
andere Impulse und Herausforderungen braucht.

Über den Einsatz von Medien, in Form von Arbeitsblättern und Kopien muss nachgedacht werden.

Die regelmäßigen Assembleys sind ein Impuls für die Gestaltung eigener Schulversammlungen.

Ulm, 11.04.2019, Martin Felber und Anne-Kathrin Horrer



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