Bericht von Christian Spandöck

Wie lässt sich eine Reise an einen Ort der Welt beschreiben, der kaum gegensätzlicher zu unserer hochindustrialisierten und profitorientierten westlichen Gesellschaft sein könnte? Wie lassen sich alle Impressionen eines Aufenthaltes fernab unserer europäischen Wohlstandsgesellschaft in einem Erfahrungsbericht zusammenfassen ohne auch nur einen der faszinierenden, berührenden und erschreckenden Eindrücke auszulassen?

Mit meinem Abitur in der Tasche machte ich mich auf den Weg gen Sierra Leone. Nicht zur einfachen Bewusstseinserweiterung trieb es mich in eines der am geringsten entwickelten Länder der Welt - Ich wollte Sozialarbeit leisten. Ich wollte den Menschen und vor allem Kindern helfen, sie bei ihrer Ausbildung unterstützen. Zuvor hatte ich bei Maria Walz, der Initiatorin des WamaGriso e.V., angefragt, ob es möglich sei, für einen knappen Monat bei ihrem Bildungsprojekt in Mambo, der WamaGriso Community School, mitzuwirken und dieses voranzutreiben. Wenig später befand ich mich im Flieger Richtung Freetown.

Maria schlug vor, dass ich als Lehrkraft in der Schule mitarbeiten könne. So kam es, dass ich eben noch selbst die Schulbank drückte und nun vor einer Schulklasse in Afrika stand und die mittlerweile 96 Kinder der Schule in den Klassen eins bis drei, in Mathematik unterrichtete. Ich erkannte sehr schnell, wie wichtig Projekte wie WamaGriso in Ländern wie Sierra Leone sind, in denen die Alphabetenrate bei gerade einmal rund 30 Prozent liegt. Dass nämlich die Kinder in einer Familie die ersten sind, die lesen und schreiben können, ist nicht selten der Fall. Nach einem Monat wurde mir deshalb umso deutlicher, dass eine gute Ausbildung oftmals der Schlüssel für den beruflichen Erfolg ist. Denn der Weg Richtung Arbeitslosigkeit, Krankheit und Armut beginnt sehr früh in Afrika. Zu früh. Viele haben nicht das Geld für regelmäßige Mahlzeiten, geschweige denn für Spielzeug oder angemessene Schuhe. Viele Eltern können ihre Kinder nicht in einen Sportverein schicken, ihnen ein Musikinstrument zum Geburtstag schenken oder für das Schulgeld aufkommen. Und doch steckt in vielen der Kinder sehr viel Potential. Vielleicht hätten sie viel Spaß gehabt beim Erlernen eines Instrumentes. Vielleicht hätten die Eltern im Sportverein ein verborgenes Talent ihres Kindes entdeckt? Erfahren wird man das oftmals wohl nie.




Ich habe WamaGriso als eine Organisation mit einem sehr ambitionierten Ziel kennengelernt. Denn der Ausbau der Schule zu einer „secondary school“ erfordert eben so viel Schweiß wie Unterstützung von unzähligen Personen. Die Arbeit, die Maria bisher geleistet hat, ist daher sehr ehrwürdig. Die immense Tatkraft Marias, Johns, und der Lehrer war für mich sehr beeindruckend zu verfolgen und ist für den späteren Erfolg der 96 Kinder essentiell. Die Schule verhilft ihnen zu einer guten Ausbildung, deren Emphase nicht nur die Vermittlung anspruchsvollen Unterrichtsstoffes sondern auch die Grundlage für ein verantwortungsbewussten wie toleranten Umgang mit seinen Mitmenschen schafft. Darüber hinaus ist die Organisation WamaGriso auch deshalb zu bewundern, weil sie zu den wenigen Organisationen vor Ort gehört, bei denen es im Gegensatz zu vielen anderen - auch sehr bekannten - Hilfsorganisationen keinerlei Korruption gibt. In Sierra Leone habe ich bedauerlicherweise gelernt, dass Sozialarbeit entweder heißt, zu helfen, damit andere Menschen eine Ausbildung bekommen, damit sie eine medizinische Versorgung erhalten, damit sie glücklich sind, oder aber zu helfen, um seinem eigenen Ego etwas Gutes zu tun. Bei Letzterem ist es nicht verwunderlich, wenn Spenden schließlich auch in die Taschen wohlhabender Mitglieder einer vermeintlichen Hilfsorganisation landen.

Dem ungeachtet hatte ich eine sehr interessante und lehrreiche Zeit. Ich habe mit Straßenkindern am Strand Fußball gespielt, bin mit John durch die Slums von Freetown gelaufen, habe einige Nationalspeisen probiert und bin im Atlantischen Ozean schwimmen gewesen. Ich habe die selbstverständliche Freundlichkeit aller bewundert, auch wenn sie in bitterster Armut lebten, und habe mich mit Afrikanern auf der Straße über die deutsche Fußballnationalmannschaft unterhalten. Ja, ich habe auch gelernt, dass in einen Volkswagen Minivan statt der gewohnten sieben bis zu 25 Personen einen Platz finden können.

Blicke ich zurück auf meinen Aufenthalt in Sierra Leone und der WamaGriso Community School, muss ich infolgedessen feststellen, dass man es nicht schaffen kann, eben all diese interessanten, faszinierenden, erschreckenden und lustigen Momente in einem Bericht einzufangen. Daher rate ich jedem, sich selbst von dem Projekt der WamaGriso e.V. in Sierra Leone zu überzeugen. Denn Unterstützung wird stets benötigt und die fröhlichen Gesichter der Kinder über einen Besucher aus Deutschland sind etwas, dass man nicht so schnell vergisst.

Christian Spandöck


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